Hartmut Geisler
Wir fallen niemals tiefer als in Gottes gütige Hände ...

Verbum et res - Wort-und Sacherklärungen

Quadrilateral (aus: Klaiber/Marquardt: Gelebte Gnade, 72 ff.)

Die vier Grundsätze der Hermeneutik Wesleys werden in der methodistischen Theologie unter den Stichworten Schrift, Tradition, Vernunft und Erfahrung als hermeneutisches "Viereck" (Quadrilateral) beschrieben. Dabei ist es wichtig, klar zu erfassen, was mit den einzelnen Stichworten gemeint ist:

1. Die Schrift selbst ist der beste Helfer zu ihrer eigenen Auslegung. Schrift soll durch Schrift ausgelegt werden, z.B. schwer verständliche Stellen durch solche, die wir verstehen können, und dies "dem Glauben gemäß", d.h. unter Berücksichtigung der klar erkennbaren, grundlegenden Glaubensverkündigung der Schrift.

2. Die Auslegung der frühen Kirche ist eine weitere Hilfe für das Verstehen der Schrift. Denn die Kirche der drei ersten Jahrhunderte, vor der konstantinischen Wende, die Wesley sehr kritisch beurteilte, war dem ursprünglichen Verständnis der Schrift noch sehr nahe und sollte in ihrem Zeugnis gehört werden. Daneben kann Wesley auch spätere Kirchenväter, die Reformatoren und Dokumente der Kirche von England zur Unterstützung einer Auslegung heranziehen, benutz sie aber sehr viel vorsichtiger und faßt sie nicht zu einem Gesamtzeugnis kirchlicher Überlieferung zusammen.

3. Wesley sieht im menschlichen Denkvermögen, der Vernunft, eine göttliche Gabe, durch die der Geist Gottes zur Auslegung der Bibel hilft. Damit ist nicht eine Vernunft gemeint, die sich zum Richter über Gottes Wort macht, sondern die menschliche Fähigkeit, Aussagen einander zuzuordnen und Zusammenhänge zu erkennen und so den Sinn der biblischen Aussagen zu verstehen und anderen Menschen verständlich zu machen. Auch bei der Frage, wie biblische Weisungen heute zu verwirklichen sind, kommt einem vernünftigen Überdenken der Erfordernisse der Situation und der Möglichkeiten des Handelns eine große Bedeutung zu.

4. Wesley nennt häufig die Erfahrung als Instrument der Schriftauslegung und zwar in doppelter Weise: Er fragt zum einen, ob sich bestimmte Auslegungen durch entsprechende Erfahrungen bestätigen lassen, und ist der Überzeugung, daß Gott solche Zeichen für das rechte Verständnis schenkt. [...]
Dazu tritt ein zweites: Wenn es darum geht, biblische Weisungen praktisch zu verwirklichen und Antwort auf die Frage zu erhalten: "Was will Gott heute von mir?", schätzt Wesley die Rolle der Erfahrung als Hilfe zur Entscheidungsfindung hoch ein. Das biblische Gebot gibt die Richtung meines Handelns vor; sachliche Überlegung und Auswertung von Erfahrung helfen bei der konkreten Zielfindung..

Die vier Begriffe beschreiben also nicht unabhängige Offenbarunsquellen, die gleichwertig nebeneinander gestellt werden, sondern den dynamischen Prozeß lebendiger Schriftauslegung, in der der Heilige Geist durch menschliche Werkzeuge wirkt. Daß diese Aspekte benannt und bewußt einbezogen werden, könnte der methodistischen Exegese besondere Lebens- und Praxisnähe verleihen. Sie stecken auch einen Rahmen ab, innerhalb dessen neuere Methoden der Bibelauslegung kritisch gesichtet, aber auch positiv aufgenommen und eingeordnet werden können.

Priesterbruderschaft: Die Pharisäerbruderschaft St. Pius X., die sich selber Priesterbruderschaft St. Pius X. nennt, aber nichts desto trotz eben nichts anderes ist als eine Gemeinschaft von Pharisäern (wie die katholische Kirche insgemein, die ihre eigenen Traditionen über das Wort Gottes stellt so wie es die von Jesus gescholtenen Pharisäer taten) ist eine Gründung des erzkonservativen, von den Brüdern selbst beinahe als Heiligen verehrten Erzbischofs Lefebvre. Näheres ist über sie zu erfahren auf deren Internetseite.

HARTMUT GEISLER
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